Wissenswertes

Zur Geschichte der Dorfkirchen in Mecklenburg-Vorpommern

Die Kirchen in Mecklenburg-Vorpommern gehören zu den ältesten baulichen Geschichtszeugnissen des Landes. Erste Kloster- und Kirchengründungen erfolgten bereits in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts infolge der Einwanderung deutscher Siedler in die slawischen Gebiete. Damit verbunden ging die schrittweise Christianisierung der ansässigen Bevölkerung einher. Viele der heute vorhandenen mittelalterlichen Kirchenbauten stammen in ihren historischen Wurzeln noch aus dem 13. Jahrhundert. Siedlerströme aus Niedersachsen und Holstein, auch als Westfälische Besiedlung bezeichnet, kamen so in das Land. Ebenso gab es auch eine sog. Ostfälische Besiedlung aus der Mark Brandenburg.

Die christlichen Siedler brachten ihre baulichen Traditionen mit. So zeigen die mittelalterlichen Kirchenbauten Merkmale dieser Einwanderungsphasen mit der westfälischen Besiedlungsherkunft wie etwa die massigen quadratischen Westtürme, den Aufbau des Schiffes und einen eingezogenen Chor mit den Überwölbungen des Innenraumes. Die andere (ostfälische) Besiedlungsherkunft hingegen zeichnet sich aus durch breitgelagerte Westtürme und die geraden Holzbalkendecken über dem Raum anstelle der Gewölbe. Doch durchmischen sich die baulichen Merkmale auch.

Die frühesten Dorfkirchen sind üblicherweise aus den örtlich vorkommenden Baumaterialien errichtet – in Mecklenburg-Vorpommern also aus Feldstein-Findlingen. Besonders die aus behauenen Feldsteinquadern erbauten Kirchen wirken oft sehr martialisch. Wehrkirchen, wie immer wieder gern behauptet wird, sind sie deshalb aber nicht. Frühe Holzbauten, von Historikern gern als erste Kirchbauten angenommen, haben sich leider keine erhalten. Doch gibt es durch bauhistorische Untersuchungen inzwischen Erkenntnisse, die eine solche Annahme belegen können. So wurden z.B. in der Dorfkirche in Lichtenhagen bei Rostock Balken aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts verwendet, die älter sind als die heutige Kirche aus dem 14. Jahrhundert und wohl von einem hölzernen Vorgängerbau stammen. Auch frühe Fachwerkkonstruktionen, die konstruktiv in jüngere Massivbauten eingingen, haben sich erhalten. Die Dorfkirche in Landow auf Rügen ist hierfür ein Beispiel. Auch mittelalterliche Fachwerktürme, holzverschalt und meist mit Spitzhelm, blieben überraschend häufig bewahrt.

Wer es sich jedoch leisten konnte, errichtete Kirchen aus Backstein. Gerade die vielen Backsteinkirchen prägen das Erscheinungsbild unseres Landes wesentlich. Oft finden sich auch Materialmischungen aus Feld- und Backsteinen. So ist des Öfteren der Chor einer Kirche in Feldstein und das anschließende Schiff in Backstein ausgeführt worden. Auch innerhalb der Bauabschnitte ist dieser Materialwechsel nachweisbar.

Die mittelalterlichen Kirchen entwickelten sich bis in das 15. Jahrhundert hinein architektonisch weiter. Der 30-jährige Krieg stoppte dann erst einmal die weitere Bautätigkeit und machte mit seinen weiträumigen Zerstörungen auch vor den Kirchen nicht halt. Kirchenruinen, wie etwa in Dambeck an der Müritz (um 1200) oder in Steinfurth bei Anklam (Anfang 14. Jh.), künden noch heute davon. Die meisten Kirchen blieben aber grundsätzlich erhalten oder wurden wieder aufgebaut.

Auch die neue Glaubensausrichtung nach der Reformation ab der Mitte des 16. Jahrhunderts führte zunächst kaum zu neuen Kirchenbauten. Die vorhandenen Kirchen wurden weiter genutzt, baulich kaum verändert, aber in ihrer inneren Ausstattung den neuen reformatorischen Grundsätzen angepasst. Diese Entwicklung wird deutlich an prächtigen Kanzeln, Altären und Epitaphien aus der Zeit der Renaissance sowie der Einrichtung von Patronatslogen bzw. dem Einbau von Kirchengestühl überhaupt. Doch blieben dabei auch viele mittelalterliche Ausstattungsstücke, gerade Altäre, nicht nur erhalten, sondern wurden mitunter in künstlerischer Weise in neue Ausstattungen integriert.

Der Wiederaufbau der Kirchen oder ihre Umgestaltung geschah allerdings je nach wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit der Regionen manchmal auch erst im 18. Jahrhundert. So führte zum Beispiel die Übernahme Vorpommerns durch Brandenburg-Preußen ab 1720 dort zu einem starken politischen und wirtschaftlichen Aufschwung. Ab dem 18. Jahrhundert sind dann viele Kirchenneubauten und baulichen Erweiterungen zu verzeichnen. Das gilt insbesondere für die mittelalterlichen Dorfkirchen sowohl in Mecklenburg als auch im Vorpommern. Besonders die  zahlreichen barocken Turmbauten, zumeist entweder als neue Anbauten an die Kirchenschiffe oder als Aufbauten auf die mittelalterlichen Mauern und meist aus Fachwerk mit filigranen und prägnanten Helmausbildungen, zeigen dies eindrucksvoll.

Auch das Kircheninnere wurde oft barock und im Sinne des protestantischen Gottesdienstes reich ausgestattet. Viele architektonische Altaraufbauten und besonders die vielen Kanzelaltäre (die Integration des Kanzelkorbes in den Altaraufbau), die evangelischen Beicht- und Pfarrstühle, von der Decke hängende, sinnliche Taufgengel und überhaupt eine Unmenge von Engeln, Putten und Figuren fanden reichhaltig Einzug in die Kirchenräume, darunter etwa auch die christlichen Tugenden: Glaube, Liebe, Hoffnung. Dabei waren die sog. Säulenbücher des 17. und 18. Jahrhunderts mit textlichen Vorgaben und zeichnerischen Entwürfen oder Anweisungen zum Bau protestantischer Kirchen in Text und Bild häufig Vorbild und Quelle für diese Gestaltungen. Auf die direkten Bauanweisungen des Kirchenbautheoretikers Leonhard Christoph Sturm aus den Jahren 1712 und 1718 sei hier hingewiesen; deren Befolgung ist gerade auch im Dorfkirchenbau bis heute noch zu erkennen.

Dann folgte das 19. Jahrhundert mit neuem architektonischem und künstlerischem Bewusstsein und mit seinen Kirchbauprogrammen und Regularien, wie zum Beispiel dem Eisenacher Regulativ von 1861. Aus dieser Zeit stammen die vielen akademisch-architektonischen Kirchenneubauten in neugotischer oder neuromanischer, an mittelalterliche Bauformen erinnernder Gestalt und die strengen und geordneten Neuausstattungen der Kircheninnenräume.

Im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden auch wieder katholische Dorfkirchen errichtet, wie z.B. die Kirchen im vorpommerschen Viereck 1848 bzw. 1911 und in Hoppenwalde 1808. Ursache hierfür wird entweder die späte Erlaubnis zum Bau katholischer Kirchen in Vorpommern infolge der inneren preußischen Kolonisation mit katholischen Siedlern im 18. Jahrhundert oder die Siedlerströme der 1920er und 1930er Jahre und das Entstehen neuer Siedlungen in Mecklenburg sein, wie etwa in Raden bei Teterow. Die dortige Dorfkirche stammt allerdings erst aus dem Jahre 1951.

Einige Beispiele zur Bau- und Kunstgeschichte der Dorfkirchen und deren Besonderheiten

Zu den ältesten Dorfkirchen in Mecklenburg gehört die romanische Backsteinkirche in Vietlübbe (begonnen zwischen 1220 und 1230) mit ihrem auf einem griechischen Kreuz basierenden Grundriss. Dem Chorarm ist eine halbrunde Apsis angesetzt. Mit ihren Rundbogenfenstern und den Zierfriesen besitzt sie romanisches Formengut. Der spitze Turm über dem westlichen Kreuzarm wurde wohl erst im 16. Jahrhundert aufgesetzt.

Die spätromanische Architektur findet sich auch in den beiden ältesten Dorfkirchen auf der Insel Rügen: in Altenkirchen (Chor und Apsis um 1200) und in Schaprode (1. Drittel 13. Jh.), deren Chor und Apsis ebenfalls noch rundbogig abschließende Fenster, Kreuzbogenfriese und Ecklisenen aufweisen.

Die Feldsteinkirche in Tribohm (erste Hälfte 13. Jh.) gehört zu den ältesten Dorfkirchen Vorpommerns. Ihr holzverschalter Fachwerkturm stammt vom Anfang des 15. Jahrhunderts.  Im Inneren findet sich eine der reichsten und eindrucksvollsten barocken Schnitzausstattungen in Vorpommern.

Zu den ältesten Feldsteinkirchen Mecklenburgs gehört die Dorfkirche in Behren-Lübchin (Anfang 13. Jh.). Sie ist charakteristisch gegliedert in Schiff, eingezogenen Chor und halbrunde Apsis. Der massige, quadratische Turm im Westen in der Breite des Schiffes trägt einen oktogonalen, barocken Oberbau mit geschweifter Haube. Die Fenster sind rundbogig geschlossen, und das Mauerwerk zeigt eine partiell gut erhaltene rot-weiße Fugenbemalung und ein Fischgratornament in den Fensterbögen der Apsis.

Die ebenfalls sehr alte Dorfkirche in Benthen (1267/1300) zeigt ebenfalls eine klassische Gliederung mit quadratischem Westturm, flachgedecktem Schiff, eingezogenem Chor und einer interessanten, fast quadratisch wirkenden Backsteinapsis mit Ecklisenen, Rundbogenfenstern und Rundbogenfries.

Auch die vorpommersche Dorfkirche in Plöwen (Ende 13. Jh.) mit ihrem sorgfältig geschichteten Feldsteinquadermauerwerk, dem verhältnismäßig reich profilierten Feldsteinsüdportal und einem sog. Schachbrettzierstein ist eine Vertreterin der frühen Feldsteinkirchen.

Die mecklenburgischen Kirchen in Kotelow und Lübbersdorf sind durch ihre Größe besonders bedeutende Beispiele der stattlichen Feldsteinquaderbaukunst des 13. Jahrhunderts. Besonders eindrucksvoll sind ihre Fensterdreiergruppen, zum Teil ausgeführt mit Backsteingewänden. Ihre hohen Turman- bzw. aufbauten mit durchbrochener barocker Haube  sind prägnante Bauerweiterungen aus dem 18. Jahrhundert. Die Lübbersdorfer Kirche ist zugleich ein markantes Beispiel der Durchmischung ost- und westfälischer Bauweisen. Während ihr Turm im Unterbau den quer gelagerten Westriegel in der Breite des Schiffes nach dem Beispiel ostfälischer Kirchen zeigt, hat sie im Inneren bereits Kuppelgewölbe nach dem Vorbild westfälischer Kirchen.

Ostblendengiebel des Chores an der Dorfkirche Kotelow
Dorfkirche in Lübbersdorf
Innenausmalung in Marsow

Die Feldsteinkirche im vorpommerschen Semlow stammt ebenfalls noch aus dem Anfang des 13. Jh. Auch hier ist eine weiß-rote Fugenbemalung partiell gut erhalten. Im Inneren dagegen ist eine der reichsten Ausmalungen in einer Dorfkirche des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern zu sehen: die sog. Spätnazarenische Wand- und Deckenmalerei von 1861. Auch die im 14. Jahrhundert errichtete und im frühen 20. Jahrhundert umgestaltete Feldsteindorfkirche in Marsow zeigt eine romantische, qualitätsvolle Innenausmalung aus dem Jahre 1912 mit biblischen Szenen.

Zu den besonderen Vertretern der gotischen Backsteinbauweise gehört die mecklenburgische Dorfkirche in Recknitz (Mitte 13. – Ende 14. Jh.) mit einer eindrucksvollen Giebelgestaltung mit Rautenzier und einem besonderen Südportal im Chor, das noch romanisch ist, aber bereits einen zaghaften Spitzbogenabschluss zeigt. Ebenso erwähnenswert ist die Kirche in Rerik (2. Hälfte 13. Jh.): ein Feldsteinunterbau und eine klare Einteilung in Schiff, Chor und Westturm mit einem Spitzhelm, der sog. Bischofsmütze.

Weitere interessante Dorfkirchen gotischen Typs sind zu finden in Hohen Viecheln (um 1300 begonnen) mit bemerkenswert schlanken Rundsäulen im Innenraum, die ein wesentliches Bauelement für eine hohe, schmale Dreischiffigkeit bilden, in Hornstorf (2. Hälfte 14. Jh.), wo die Kirche noch über eine typisch mittelalterliche Dachdeckung, eine sog. Mönch-Nonne-Deckung, verfügt, die in ihrer Vollständigkeit inzwischen absolute Seltenheit besitzt, in Hohen Kirchen (Mitte 15. Jh.), wo der von weither sichtbare Westturm die typische mittelalterliche Walmdachausbildung westmecklenburgischer mittelalterlicher Dorfkirchen besitzt, oder in Zurow, wo die Turmdreiecke des ehemaligen Spitzhelmes mit schwarz glasierten Formsteinen von der Nähe zu den großen Wismarschen Kirchen künden.

Die Kirche in Rethwisch soll als eindrucksvolles Beispiel einer sog. dreischiffigen Stufenhalle genannt werden. Das Mittelschiff ist gegenüber den Seitenschiffen leicht erhöht,  ein in voller Höhe durchgehender Chor bzw. ein mittelalterlicher Fachwerkturm (14. Jh.) mit einer Holzbrettverschalung schließen sich an.

Auch Vorpommern weist  eine stattliche Anzahl mittelalterlicher Backsteindorfkirchen auf. Zu nennen ist hier beispielsweise die Kirche in Saal (um 1300/Anfang 14. Jh.), deren Besonderheiten die gotischen Kalkstuckmaßwerke im Chorpolygon und der freistehende, hölzerne Glockenturm von 1476 sind. An der Küstenlinie von Stralsund nach Greifswald und im Schatten der großen Backsteinkirchen dieser Hansestädte entstanden, aufgereiht wie auf einer Perlenkette, mehrere Dorfkirchen mit imposanten Blendengiebeln, darunter die Kirche in Reinberg (Mitte 13. – Anfang 14.Jh.) mit einem eingezogenen Chor aus Feldstein und einem Schiff aus Backstein und prächtigen, mit Blenden geschmückten Giebeln. Die Dorfkirche in Wusterhusen (2. Hälfte 13. Jh. – Anfang 15. Jh.) vertritt eindrucksvoll das Schema der dreischiffigen Backsteinhalle mit eingezogenem Feldsteinchor mit polygonalem Chorabschluss. Eine Besonderheit ist das Südportal des Chores mit seinen glasierten, geriefelten Backsteinprofilen und die original erhaltene mittelalterliche Fugenritzung im Feldsteinmauerwerk. Der hohe Turm trägt außerdem noch seinen mittelalterlichen Spitzhelm. Die Kirche in Wildberg ist ein lang gestreckter Bau mit einem architektonisch sauber gestalteten Backsteinchor (Mitte 13. Jh.) mit Dreifenstergruppe, Rundbogenfries, Ecklisenen und Blendengiebel und einem gröber gestalteten Feldsteinschiff aus dem 16. Jh. Der holzverschalte Fachwerkturm, wohl aus dem 17. oder 18. Jh. gehört zu den höchsten und wuchtigsten Türmen dieser Bauweise im ganzen Bundesland. Dagegen besitzt die sehr imposante Kirche in Jördensdorf (2. Hälfte 13. Jh./ Turm 15. Jh.) einen Chor aus Feldstein und ein Schiff in sauber gemauertem Backsteinverband mit Ecklisenen und einem Rundbogenfries an der Traufe sowie hochsitzende, schlanke Fenster. Der massige Backsteinturm weist in unterschiedlicher Höhe Feldsteinlagen auf. Im 15. Jahrhundert kam es bei den Dorfkirchen aus Backstein wieder vermehrt zur Verwendung von Feldsteinen, die aber eher wie eingestreut in die Backsteinmauern wirken. Es handelt sich hier um eine bewusst traditionalistische Verwendung des Feldsteines zur Erzeugung eines vermeintlich älteren Erscheinungsbildes. Ein besonders anschauliches Beispiel bieten dafür die Dorfkirchen in Middelhagen auf Rügen (1. Hälfte 15. Jh.) oder die Kirche in Börzow in Mecklenburg aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Darüber hinaus besitzt diese Kirche einen, gegenüber dem Schiff ungewöhnlich massigen Turm, so dass dieses eher wie ein Anhängsel an den Turm wirkt.

Eines der sehr seltenen Beispiele aus der Zeit der Renaissance ist die Kirche im mecklenburgischen Bristow (1597). Sie orientiert sich in der architektonischen Gestaltung mit dem aufwendig gestalteten Blendengiebel und der Verwendung von Feldsteinquadermauerwerk stark an den mittelalterlichen Feldsteinkirchen des 13. Jahrhunderts. Die innere Ausstattung der Kirche ist besonders aufwendig. Insbesondere die Altarwand und die Kanzel sind prächtige Schnitzarbeiten der Renaissancekunst.

Mecklenburg-Vorpommern ist auch das Land vieler Fachwerkkirchen. Sie kommen bereits im Mittelalter vor, stammen aber überwiegend aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Die älteste, im Original erhaltene Fachwerkkirche (1580) liegt im mecklenburgischen Hildebrandshagen, nahe der Grenze zu Brandenburg. Größere Fachwerksaalkirchen aus dem 17. Jahrhundert befinden sich in Retzow und Dammwolde. Neben den sog. Schiffskehlen und profilierten Konsolen im Traufbereich sind ornamental geformte Ziegelausfachungen Merkmale dieser frühen Fachwerkkirchen.

Die vorpommersche Gutskirche in Griebenow stammt von 1654. Es handelt sich um einen für das Bundesland einmaligen, 15-seitigen Fachwerkzentralbau. Besonderer Zierrat sind geschnitzte Masken über den Ständern an der Traufe. Besonders in Vorpommern entstanden nach 1720 in preußischer Zeit infolge der Kolonisationsbestrebungen der preußischen Könige zahlreiche Fachwerkkirchen mit verputzten Ausfachungen und in einer geraden Rasterstruktur, wie beispielsweise die Kirchen in Leopoldshagen und Ahlbeck (1752 und 1754). Im Inneren der Kirche in Leopoldshagen befindet sich ein besonderer Kanzelaltar mit geschweiftem Korb und den Initialen des Preußischen Königs Friedrich II., der zugleich Patronatsherr der Kolonisten Kirche war.

Auch in Mecklenburg wurden im 18. Jahrhundert viele weitere Fachwerkkirchen, jedoch vorwiegend mit Backsteinausfachungen errichtet. Als besonderes Beispiel mag die bereits 1707 errichtete Kirche in Siggelkow mit den Zierausfachungen des Ostgiebels gelten oder die Kirche in Matzlow (wohl Mitte des 18. Jh.) mit ihrem geböschten und dreifach gestuften Turm. Neben den Fachwerkkirchen wurden auch Kirchen in verputzter Massivbauweise im 18. Jahrhundert, oft von den Guts- und Patronatsherren in ihren Dörfern errichtet; so etwa  im mecklenburgischen Weisdin in Form eines achteckigem Zentralbaues von 1749 mit filigranem Laternentürmchen und prächtiger barocker Innenausstattung oder im vorpommerschen Rothenklempenow in Form eines eleganten, hellen Putzbaues mit hohen Fenstern und mit einem schlanken Turm mit geschweifter Haube und Laterne.

Kirche Altwarp

Fischerkirchen an der vorpommerschen Küste, wie bspw. die in Prerow auf dem Darß, zunächst 1728 in Fachwerk gebaut und dann bis 1830 in Backstein erneuert, und die in Altwarp am Ueckermünder Haff von 1752, runden das Bild der im 18. Jahrhundert entstandenen Dorfkirchenbauten ab. Beide beinhalten eine reiche barocke Ausstattung wie Kanzelaltäre, Taufgehäuse oder Taufengel, als Besonderheit aber die von Schiffern gestifteten sog. Votivschiffe.

Im 19. Jahrhundert baute man, insbesondere in Mecklenburg, viele Backsteindorfkirchen in zumeist neogotischen Formen – nach dem Vorbild mittelalterlicher Kirchenarchitektur, aber in idealisierter, akademischer Ausführung im Sinne der bereits benannten Kirchenbauregularien. Die kleine turmlose Dorfkirche in Conow bei Feldberg (1826) zeigt erste schlichte neogotische Formen. Die Kirche im gleichnamigen Conow bei Ludwigslust (1888) mit Turm, Lang- und Querschiff und eingezogenem Chor und mit spitzbogigen Fenstern, gestuften Pfeilern, Blendenfries und Ecklisenen wirkt dagegen bereits sehr gotisch. Die ungewöhnlich große Dorfkirche in Vellahn (1885) bedient sich mit ihren Maßwerkfenstern, den Rosetten und Zierfriesen aus der Formenvielfalt hochgotischer Stadtkirchen. Das trifft auch für die Kirche in Picher (1879) zu, die eine wiederum strenge gotische Architektur mit Spitzbogenfenstern, Außenpfeilern, Maßwerkrosetten und Blendengiebeln und auch noch ein Rautenornament in der Dachdeckung aufweist. Die kleine Kirche in Gnevsdorf (1897) ist ein routiniert proportionierter und detailreicher Bau in verspielt gotischer Form und kann als eine der Höhepunkte der neogotischen Dorfkirchenarchitektur gelten. Die 1870 errichtete Kirche in Melkof ist dagegen ein Sonderfall. Der elegante Putzbau besitzt eine strenge klassizistische äußere Gestaltung und im Inneren eine neogotische und neobarocke, reizvolle Ausstattung.

Conow bei Feldberg
Vellahn
Picher
Melkof
Dorfkirche in Greven

Im 20. Jahrhundert folgen wenige, aber bemerkenswerte kleinere Dorfkirchenneubauten, wie z.B. die neoromanische Kirche in Greven bei Zarrentin von 1906 oder die Jugendstilkirche in Wilhelmshof bei Löcknitz von 1910. Eine einzigartige Art-Déco-Kirche in Mecklenburg wurde in Neu Kalliß 1928 errichtet, und das Fischerdorf Ahrenshoop erhielt beispielsweise 1951 die kleine, sog. Schifferkirche aus Holz und Glas.

Die Dorfkirchen in Mecklenburg-Vorpommern stehen fast alle unter Denkmalschutz. Sie werden heute überwiegend gottesdienstlich genutzt. Es handelt sich mehrheitlich um evangelische Kirchen.

Zu Pfingsten 2012 erfolgte der Zusammenschluss der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburgs und der Pommerschen Evangelischen Kirche mit der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche zur Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland.

Bislang wird angestrebt, keine Dorfkirche zu verkaufen oder aufzugeben. Im Gegenteil: Es ist das gemeinsame Anliegen von Kirche, Denkmalpflege, verschiedener Stiftungen sowie vieler Fördervereine und Bürgerinitiativen, den umfangreichen und vielfältigen Dorfkirchenschatz zu erhalten, instand zu setzen und zu nutzen. 

Jens Amelung, August 2015